Erfurter Widerstand im NS-Staat

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Das Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl ist bis heute eines der leuchtendsten Beispiele für Jugendwiderstand im Nationalsozialismus. Doch auch in der Thüringer Landeshauptstadt trotzte die Schülergruppe um Jochen Bock der nationalsozialistischen Gleichschaltung. Mit Flugblättern und Graffiti forderten sie das „Ende des Hitler-Blutterrors“. Einer Forschungsgruppe der Universität Erfurt ist es nun gelungen, den Widerstand der Erfurter Handelsschüler zu rekonstruieren.

Über siebzig Jahre lang blieb die Geschichte der Erfurter Widerstandsgruppe um Jochen Bock weitgehend unbeachtet. Die Gruppe war Historikern zwar bekannt, aber nie genauer erforscht worden. Erst als der Förderkreis Topf & Söhne e.V. im Jahr 2014 erstmals den Jochen-Bock-Preis auslobte und damit Menschen ehrte, die „ihre Bürgerpflicht zum Nein-Sagen gegen Antisemitismus, Antiziganismus und jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ wahrgenommen haben, rückten Bock und seine vier Freunde in den Fokus. Ein Forschungsprojekt folgte. Studierende der Universität Erfurt begaben sich auf Spurensuche, durchforsteten Archive, machten Verwandte, Hinterbliebene und Zeitzeugen aus, sammelten Material und rekonstruierten das Geschehen. Ihre Ergebnisse fassten sie in dem Buchband „Nieder mit Hitler! Der Widerstand der Erfurter Handelsschüler um Jochen Bock“ zusammen, das am Mittwochabend in der Ludwig-Erhard-Schule vorgestellt wurde.

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Bei der Buchpräsentation trafen sich Historiker und Zeitzeugen in der Handelsschule. (v.l.n.r.: Stefan Hellmuth, Karl Metzner, Gerhard Laue (Schulkamerad Bocks), Maria Ackermann, Nickolas Hecker

Damit kehrten die Historiker an den Ort zurück, wo der Widerstand 1943 begonnen hatte: An der ehemaligen Handelsschule in der heutigen Talstraße fand Jochen Bock seine Mitstreiter, die zusammen mit ihm Widerstandsaktionen im Sommer 1943 durchführten. Sie verteilten selbstgeschriebene Flugblätter mit den Forderungen „Frieden, Freiheit, Brot und das Ende des Hitler-Blutterrors“. Aktionen die 1943, im Jahr des totalen Krieges, als das Naziregime seinen radikalen Höhepunkt erreichte, äußersten Mut verlangten. Die Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren setzten damit ihr Leben und das ihrer Familie aufs Spiel. Schon deshalb ist der Vergleich mit dem Widerstand der „Weißen Rose“ gerechtfertigt, erklärte Herausgeberin Prof. Dr. Christiane Kuller:

„Mit ihrem offenen Protest und ihrer Grundsatzkritik am nationalsozialistischen Regime muss die Erfurter Gruppe in die höchste Stufe des Widerstands gegen die nationalsozialistische Diktatur eingeordnet werden.“

Schüler gegen das NS-Regime

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Jochen Bock, Foto aus dem Bestand von Karl Metzner

Der Ausgangspunkt der Erfurter Widerstandsgruppe lag in einem Schlüsselerlebnis in Jochen Bocks Biografie. 1942 verlor er bei der Schlacht um Stalingrad seinen Bruder Horst, der zunächst als vermisst galt. In der Hoffnung etwas über den Verbleib seines Bruders zu erfahren, begann der damals 15 Jährige englische und russische Radiosender mit deutschsprachigen Sendungen zu hören, was im NS-Staat strengstens verboten war. Die Informationen zum Kriegsgeschehen, die er hier erhielt, ließen Zweifel in ihm aufsteigen. War dieser Krieg zu gewinnen? War er überhaupt rechtmäßig? Auf Radio Moskau empfing der Jugendliche die Sendungen des kommunistischen „Nationalkomitees freies Deuschland“ (NKFD), das ihn politisch prägen sollte. In der Sendung forderten deutsche Kriegsgefangene ihre Landsleute zum Widerstand gegen das NS-Regime auf.

Davon überzeugt, begann Bock im Sommer 1943 mit dem Aufbau einer Widerstandsgruppe, für die er zunächst seinen Klassenkameraden Joachim Nerke gewinnen konnte. Etwas später kamen Helmut Emmerich, Gerd Bergmann und Karl Metzner hinzu. Zusammen setze die Gruppe ein Flugblatt auf, das sie auf Metzners Schreibmaschine vervielfältigten. Die Flugblätter mit ihren brisanten Forderungen steckten die Jugendlichen in Nacht- und Nebelaktionen in Erfurter Briefkästen, warfen sie aus fahrenden Straßenbahnen oder versuchten ihre Mitschüler mit den Inhalten, des „gefundenen“ Blattes zu konfrontieren. Auf Spaziergängen im Steigerwald hinterließen sie an Bloghütten Graffiti wie „Nieder mit Hitler!“ Weiterhin bereitet die Gruppe Sabbotageakte vor, die jedoch nicht mehr umgesetzt werden konnten. Denn schon im September 1943 lagen bei der Gestapo mehrere Anzeigen gegen die Gruppe vor. Einige Mitschüler hatten ihre Aktionen dem Schulleiter gemeldet, der daraufhin offiziell Meldung machte. Am 15. September 1943 wurden die Metzner, Bergmann und Emmerich noch in der Schule von der Gestapo verhaftet. Bock und Nerke waren schon am Tag zuvor aufgegriffen worden.

Die Bedeutung

Der Widerstand dauerte nur wenige Wochen. Das und das jugendliche Alter der Täter veranlassten das Oberlandesgericht Kassel wohl dazu, einigermaßen milde zu urteilen. Nur Jochen Bock, der als Rädelsführer und Verführer der Gruppe galt, wurde hart bestraft, saß bis zum Ende des Krieges im Jugendgefängnis und starb schon 1947 an den Folgen einer Tuberkulose-Erkrankung. Vermutlich hatte er sich die tödliche Krankheit durch die Haftbedingungen zugezogen. Ein Schicksal, das viele Insassen der Nazigefängnisse in den Nachkriegswirren ereilte.

Was die Bedeutung der Gruppe um Jochen Bock betrifft, kann der Mut der Schüler kaum hoch genug bewertet werden. Selbst wenn kritische Stimmen entgegnen werden, dass der amateurhafte Widerstand der Erfurter Gruppe mit den Bemühungen und der Tragweite der Weißen Rose nicht zu vergleichen sei, ist es doch genau das, was den Widerstand der Erfurter Handelsschüler so bemerkenswert macht: Es waren Jugendliche, die im Naziregime groß geworden waren und aus sich selbst heraus erkannten, dass der Ungehorsam moralisch war. Es waren Jugendliche, die keine Hilfestellung hatten und die mit den geringen Mitteln von Schülern, einen Widerstand probten, zu einer Zeit, in der es opportun war, Mittäter oder wenigstens Mitläufer zu sein.

Am Mittwochabend war auch der stellvertretende Leiter der Landeszentrale für politische Bildung, Peter Reif-Spireck, zu Gast, der in seinem Redebeitrag die Bedeutung der Gruppe auf den Punkt brachte:

„Sie [die Widerstandsgruppe] erinnert uns daran, dass wir immer eine Wahl haben […] Heute wäre es unerträglich, sich mit dieser Zeit auseinandersetzen zu müssen, wenn es solche mutigen Widerstandsgruppen nicht gegeben hätte.“

 

Text und Fotos: Andreas Kehrer

 

buch„Nieder mit Hitler! Der Widerstand der Erfurter Handelsschüler um Jochen Bock“ – Chistiane Kuller, Annegret Schüle, Jochen Voigt (Hg.), 2016,  ISBN: 978-3943588-91-0

Das Buch ist erhältlich über die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung. Das Forschungsprojekt entstand in einer Zusammenarbeit der Universität Erfurt, der Stiftung Ettersberg, des Erinnerungsortes Topf & Söhne sowie der Friedrich Ebert Stiftung.  

Weiter Informationen unter: www.nieder-mit-hitler.de