„Ich vermisse nichts“ – Vom Leben eines Aussteigers

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Vom Leistungssportler zum Sportinvaliden zum Entwicklungshelfer zum Aussteiger: Daniel Andrä hat viel erlebt und jetzt keine Lust mehr auf die Leistungsgesellschaft. Als Aussteiger lebt er im WirGarten Erfurt.

Der WirGarten Erfurt: eine grüne Oase im Stadtzentrum, die für jeden etwas zu bieten hat. Manche ErfurterInnen schätzen den Garten als Veranstaltungsort für Open Air-Konzerte. Andere treffen sich hier mit Freunden und Familie. Für sie ist der WirGarten ein Ort der Begegnung. Wieder andere finden hier einen kreativen Ausgleich zu einem stressigen Alltag, indem sie sich an den Grünflächen betätigen und mit ihren eigenen Händen etwas an- oder aufbauen. Ganz gleich wen man fragt, jeder Erfurter wird bestätigen, dass es ein besonderer, ja fast ein magischer Ort ist:

Im Garten spielt Zeit keine Rolle. Wenn du dich einmal hier aufhältst, vergisst du ganz schnell, dass es eine Welt außerhalb dieser vier Wände gibt. Ich lebe jetzt seit zweieinhalb Monaten hier und fühle mich total wohl. Ich vermisse nichts.

Sagt Daniel Andrä, der tatsächlich seit mehr als zwei Monaten auf dem Gelände des WirGartens in seinem Camper wohnt. Für den 35-Jährigen ist der Garten ein Zufluchtsort, denn Daniel ist Aussteiger. Einer jener Leute, die den alltäglichen Wahnsinn nicht mehr mitmachen wollen und einen alternativen Lebensweg einschlagen: ohne Job, ohne Geld, ohne festen Platz in der Gesellschaft.

Die endlose Spirale

Als Daniel Anfang diesen Jahres seinen Freunden und seiner Familie mitteilte, dass er die Absicht habe auszusteigen, machte sich bei vielen Unverständnis und Entsetzen breit. Schließlich hatte Daniel einen traumhaften Job, der ihm Reisen in fremde Länder ermöglichte, er wohnte in Leipzig, dem absoluten place to be und hatte viele Freunde. Wo war also das Problem?

Ich störte mich an dieser Leistungsgesellschaft. Es wird nichts mehr anerkannt und immer wenn du irgendwas geschafft hast, dreht sich die Spirale weiter und du musst beim nächsten Mal noch einen drauf setzen.

Erzählt Daniel heute, der die Grenzenlosigkeit des Leistungsprinzips bereits als Kind verinnerlichte. Schon damals war er sportbegeistert. Ganz gleich ob Fußball, Basketball oder Handball, den Großteil seiner Freizeit verbrachte er im Sportverein. Daniel trainierte hart und Wettkämpfe spornten ihn an. Schnell war klar, dass er neben dem offenkundigen Talent und den körperlichen Voraussetzungen, auch den nötigen Ehrgeiz hatte, um als Sportler erfolgreich zu sein. Daniel schaffte es: Er wurde Profi und spielte in der 1. Handball Bundesliga, bis eine Knieverletzung seine Karriere 2007 vorzeitig beendete.

Ein Schock für den damals 24-Jährigen, der erstmals feststellte, dass Erfolg nicht planbar war. Daniel ließ sich aber nicht beirren: Nach der Reha studierte er Sportmanagement und betätigte sich in seiner Freizeit ehrenamtlich im Verein. Er trainierte die Jugendmannschaften und organisierte Projekte und Veranstaltungen. Das öffnete ihm Türen: Nach dem Studium bot ihm die Uni Leipzig eine Projektstelle als Dozent im Rahmen des Internationalen Trainerkurses (ITK) an.

Als Pathfinder in Marokko

Das Prinzip des ITK ist einfach: In fünfmonatigen Kontaktstudien lädt die Universität Trainer aus der ganzen Welt nach Leipzig ein, um sie in der deutschen Trainingslehre zu unterrichten. Das Austauschprogramm gibt es seit den 60er Jahren und ist ein Aushängeschild der Sportwissenschaftlichen Fakultät in Leipzig. Schnell merkte Daniel aber, dass die ITK auch ihre Schwächen hatte:

Da kamen Trainer aus dem Südsudan und wir brachten denen bei, wie ein Training auszusehen habe. Aber die Leute hatten zum Teil nicht mal richtige Turnschuhe und sahen hier in Deutschland zum ersten Mal in ihrem Leben eine Sporthalle. Das passte doch gar nicht zusammen.

Um Trainern aus anderen Ländern helfen zu können, überlegte Daniel, musste er vor Ort sein und die Verhältnisse kennenlernen, in denen sie lebten. Er beschloss auf Reisen zu gehen und wurde Pathfinder – einer jener Wegbereiter, die in fremden Ländern Grundsteine legen. Philippinen, Samoa, Ägypten, Marokko – Daniel bereiste viele Länder und organisierte Sportprogramme, die sich an die Gegebenheiten dieser Länder anpassten. Wo es nichts gab, lernte Daniel zu improvisieren. Für ein Tor rammte er zwei Stöcke in den Boden und wenn es keinen Ball gab, zerknüllte er Zeitungspapier und fixierte es mit Klebeband. Innerhalb kürzester Zeit ließ sich auf diese Weise ein Fussballspiel gestalten, mit dem man Kindern einen ganzen Nachmittag lang Freude bereiten konnte.

Wo Daniel auch hinkam, überall versuchte er Kindern den Spaß am Sport zu vermitteln. Oftmals kämpfte er dabei gegen Vorurteile, denn in den meisten arabischen Ländern gilt Sport als Zeitverschwendung. Darum richteten sich seine Schulungen auch an Lehrer, denen er den pädagogischen Wert von Sport nahe brachte. Um die Strukturen zu festigen, konzentrierte sich Daniel in den letzten Jahren vor allem auf Marokko. Mit seinem Camper fuhr er die knapp 4500 Kilometer zweimal jährlich auf dem Landweg, vollbeladen mit Spendensammlungen aus Deutschland.

Der Ausstieg

Reisen erweitern bekanntlich den Horizont und so brachte Daniel nicht nur den Sport nach Marokko, sondern auch eine Reihe eigener Erkenntnisse mit nach Hause. Tugenden, die man in Deutschland längst vergessen hatte, aber niemals hätte vergessen dürfen: Familienzusammenhalt, Demut vor dem Leben und auch Dankbarkeit:

In Marokko begegnen dir die Menschen mit einer unfassbaren Dankbarkeit. Obwohl sie selbst nichts haben und in Armut leben, schlachten die für dich ihr einziges Schaf, nur um dir zu zeigen, dass sie es zu schätzen wissen, was du tust. Und in Deutschland werden ehrenamtliche Trainer von den Eltern der Kinder noch kritisiert, es wird genörgelt und gemotzt.

Es dauerte eine Weile bis Daniel die Unterschiede so deutlich wahrnahm, aber mit der Zeit wuchs in ihm der Wunsch auszusteigen. Der maßlose Konsum, der Druck der Leistungsgesellschaft, der Digitalisierungswahnsinn, Statussymbole, Schönheitsideal, das Medienbashing gegen den Islam, den er in Marokko als eine friedfertige Religion kennengelernt hatte, ja selbst der Hype um Leipzig – all das wurde mit der Zeit unwirtlich. Der Entschluss zum Ausstieg stand fest und als ihm eines Tages ein Freund vom WirGarten erzählte, bot sich Daniel hier als ehrenamtlicher Platzwart an.

Heute wohnt Daniel im WirGarten und schlendert allmorgendlich mit seiner Kaffeetasse über das Gelände. Er lässt sich treiben. An manchen Tagen pflegt er dann die Beete, baut etwas zusammen, setzt sich mit einem Buch in die Sonne oder unterhält sich mit den Menschen, die hier vorbeikommen. Daniel führt ein entschleunigtes und glückliches Leben. Auch wenn es ein Leben auf Zeit ist. Bald will er wieder nach Marokko reisen und was dann kommt, weiß er noch nicht. Der WirGarten ist für ihn eine Möglichkeit, Kraft zu tanken und sich mal Zeit zu nehmen, um über das Leben nachzudenken:

Ich kann die Gesellschaft nicht ändern. Aber ich kann mich aus dieser Gesellschaft raus nehmen, indem ich, statt mich mitreißen zu lassen, einfach mal an den Rand schwimme, mich festhalte und raus ziehe und das Ganze an mir vorbeiziehen lasse. Und das ist etwas ganz Wunderbares.

 

Titelbild: Andreas Kehrer, Fotos: Dominik Wolf (DW) und mit freundlicher Genehmigung von Daniel Andrä

3 Kommentare

  1. Antje sagt: Antworten

    Mir ist Leistungssport schon immer suspekt – es kommt auf gnadenlose Disziplin (inkl. Unterordnung Regeln, Trainer,..) und Leistungsvergleiche an. Kein Volleyballspiel bei dem nicht vorwurfsvolle Blicke erfolgen wenn der Ball den Boden berührte. Es könnte ja sonst Spaß machen.
    Und Sport wurde in der Menschheitsgeschichte schon des Öfteren von verschiedensten Systemen instrumentalisiert. Da wir uns hier momentan völlig unbewusst selbst ausbeuten, müssen wir dann auch viel Sport als Ausgleich machen. Aber nicht Yoga – höchstens unter Zeitstress einer neuen Figur pro Woche – Joggen ist am Besten. Mit Uhr, Pulsmesser und Motivationsmusik, damit man auch im Feierabend noch herrlich verkrampft geschäftig aussieht.
    Das Leben im Garten – so scheint mir auf jeden Fall – ist dagegen höchst erstrebenswert. Im Flow mit der Natur und ihren Früchten kommt die Genugtuung sehr schnell und Sport brauchts (meist) auch nicht!

  2. So ganz ein Aussteiger ist er ja nicht… denn ich nehme an, für seine Ehrenamtliche Arbeit darf er da bleiben… also verpflichtet er sich ja wieder. Interessant wäre auch… wenn er auf Geld verzichtet… wo kommt das Essen her… Gruß von einem der die Welt bereist… und schon länger dran arbeitet Aussteigen…

    1. gatsby sagt: Antworten

      Hey Carlo,

      Das hängt dann natürlich auch mit der Definition von Aussteigertum zusammen. Im WirGarten herrscht eine feel free to work Atmosphäre. Leute aus der ganzen Stadt kommen hierher, weil sie die Idee des Gemeinschaftsgarten toll finden und hier einfach eine schöne Zeit verleben. Verpflichtend im Sinne von „du musst“ ist das aber nicht.

      Viele Grüße,
      Andreas

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