Create in Germany

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Das Siegel „Made in Germany“ ist ein internationaler Verkaufsgarant. Doch Deutschland kann mehr als nur produzieren. Das Land der Dichter und Denker sprudelt vor Kreativität und kreativwirtschaftlicher Potentiale. Städte wie Berlin, Leipzig, Köln und Hamburg sind kreative, bunte Hochburgen, gegen die Thüringen farblos wirkt. Doch der Eindruck täuscht.

Kunst, Kultur und Kreativität – kaum eine andere Stadt verkörpert dieses Schlagworte so sehr wie das kleine, beschauliche Weimar. Touristen aus aller Welt kommen nach Thüringen, um den Ort, an dem bedeutende Werke der Weltliteratur entstanden sind, in Augenschein zu nehmen. Jedes noch so uninteressante Stück Wiese wird hier zum kulturellen Hotspot und zur „photo opportunity“, denn Goethe war hier. Und genau darin liegt ein Problem: Goethe war hier. Schiller und Herder waren es auch. Sie haben ein alles überstrahlendes, kulturelles Erbe hinterlassen, dass auf das moderne kreative Thüringen einen gewaltigen Schatten wirft. Denn in der öffentlichen Wahrnehmung findet Kreativität heutzutage woanders statt: In Berlin, Leipzig oder Köln, aber keinesfalls in der Thüringer Provinz. Ein Vorurteil, das auch wirtschaftliche Probleme mit sich bringt, meint Norman Schulz:

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Dieser Kompetenzvermutung müssen wir entgegentreten und selbstbewusst nach außen zeigen, dass wir hier sind. Die Kreativwirtschaft ist hier vielleicht quantitativ nicht so stark vertreten, qualitativ ist sie hier aber genauso schlecht und genauso gut, wie in Leipzig oder Berlin.

Norman Schulz leitet seit 2015 die Thüringer Agentur für Kreativwirtschaft (ThAK). Die Agentur wurde 2011 durch das Thüringer Wirtschaftsministerium ins Leben gerufen und fördert seither die Kreativbranche in unserem Bundesland. Deutschlandweit war Thüringen damit eines der ersten Länder, die den Wert der Kultur- und Kreativwirtschaft erkannt haben.

Eine neue Branche

Die Branche selbst ist nämlich überraschend jung. Erst in den späten Nullerjahren rückte sie in den Fokus der deutschen Politik und Öffentlichkeit, nachdem sie bereits zur Jahrtausendwende in Großbritannien als „creative industries“ entdeckt und wirtschaftlich relevant geworden war. Der amerikanische Sozial- und Wirtschaftstheoretiker Richard Florida bezeichnete sie als einen der wichtigsten zukünftigen Wirtschaftszweige: „human creativity is the ultimate economic resource“. Im Jahr 2009 wurde die Kultur- und Kreativwirtschaft schließlich auch hierzulande erstmals von der Wirtschaftsministerkonferenz definiert:

Unter Kultur- und Kreativwirtschaft werden diejenigen Kultur- und Kreativunternehmen erfasst, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen/kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen. Der verbindende Kern jeder kultur- und kreativwirtschaftlichen Aktivität ist der schöpferische Akt…

Seither wird die Kultur- und Kreativwritschaft in regelmäßigen Studien und Monitoring-Berichten erfasst. Dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge ist die Branche „volkswirtschaftlich von erheblicher Bedeutung“ und bewegt sich mit der deutschen Automobilindustrie und dem Maschinenbau auf Augenhöhe.

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Deutschlandweit arbeiteten 2014 über 1,62 Millionen Menschen aus den insgesamt elf unterschiedlichen Teilbereichen (siehe unten) in dieser Branche, die 2014 schon rund 67,5 Mrd. € umsetzte. Die Kultur- und Kreativwirtschaft gilt darüber hinaus als krisenresistent, was vor allem an dem hohen Anteil selbstständiger Tätigkeiten und der Arbeit in Kleinstunternehmen liegen dürfte. Dominoeffekte wie in anderen, von Konzernen beherrschten Branchen, gibt es in der kleinteiligen Kreativwirtschaft nicht.

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Thüringer Kreativität

In Thüringen erkannte man 2011, mit der von Matthias Machnig in Auftrag gegebene Studie „Kreativwirtschaft in Thüringen“, dass es Möglichkeiten gäbe, die Branche aktiv zu unterstützen. Infolge dessen wurde die ThAK ins Leben gerufen, die seither damit beschäftigt ist, Netzwerkstrukturen aufzubauen und der Thüringer Kreativwirtschaft zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Trotz aller Bemühungen sieht Norman Schulz den Stellenwert der kreativen Szene in Thüringen unterschätzt. Noch immer würden viel zu viele Aufträge von Thüringer Firmen an Kreativbüros in Berlin oder Leipzig vergeben werden.

Die Stadtratsentscheidung zur Defensionskaserne auf dem Erfurter Petersberg im Jahr 2014 zeigt sehr deutlich, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft hierzulande einen schweren Stand hat. Damals bewarb sich auch das Kulturquartier Erfurt e.V. auf das Objekt und wollte hier ein innerstädtisches Zentrum der Kreativwirtschaft begründen. Den Vorzug erhielt jedoch der paritätische Wohlfahrtsverband. Ihre Entscheidung begründeten viele Stadträte mit der finanziellen Verlässlichkeit, die dem paritätischen Wohlfahrtsverband eher zugetraut wurde, als dem kreativwirtschaftlichen Kulturquartier. Das Ende vom Lied ist eine bis heute brach liegende Defensionskaserne.

Dabei ist Thüringen auch fast 200 Jahre nach Goethe ein kreatives und sogar kreativwirtschaftlich erfolgreiches Land. Aus der Studie von 2011 geht hervor, dass es hier rund 3200 Kreativunternehmen gibt, die einen Umsatz von ca. 1,64 Mrd Euro erwirtschaften. Mit 12.400 Vollzeit-Erwerbstätigen ist die Branche in etwa vergleichbar mit der Automobilindustrie (15.500) und der Medizin- und Messtechnik (14.000).

Branchentag

Wie vielfältig und versiert die Thüringer Kreativwirtschaft inzwischen geworden ist, lässt sich wohl am besten auf dem Branchentag am 31. August feststellen. Norman Schulz und seine ThAK haben ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt:

Der Tag beginnt mit einem Gründerfrühstück, geht weiter mit Workshops, Impulsreferaten und Diskussionsrunden. Wolfgang Tiefensee hat sich angekündigt, worüber ich mich sehr freue. Des Weiteren werden sich ausgewählte Thüringer Unternehmen auf einer Messe präsentieren. Doch die wichtigsten Programmpunkte sind eigentlich die Pausen. Denn hier haben die Kreativen und Kreativinteressierten die Möglichkeit sich kennenzulernen und zu vernetzen. Denn darum soll es gehen: Wir wollen Brücken schlagen zwischen der Kreativwirtschaft und anderen Branchen.

>>Hier<< könnt ihr euch für den Branchentag anmelden.

 

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Norman Schulz.

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